Geologie Stuttgart 21 S21

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Angeblicher Tunnelanstich für Stuttgart 21 als Medienmasche

Auch der zweite Tunnelanstich Stuttgart 21 ist reine Medienschau

Erschienen am 4.12.2013

4.12.2013

Angeblicher Tunnelanstich als Medienmasche

(eine kurze Analyse durch Dipl. Geol. Dr. Ralf Laternser)

 

Bei Stuttgart 21 findet durch die DB AG ein Prinzip nach bester Gutherrenmanier Anwendung: Fakten Schaffen und bautechnische und geologische Unwahrheiten verbreiten


Egal ob Prellbockanhebung oder dringend notwendige Abholzung eines Kulturdenkmals wie dem mittleren Schlossgarten. Obwohl noch längst nicht alle örtlichen Genehmigungen oder gar die ganzer Bauabschnitte fehlen oder noch ungewiss sind, werden wo es geht Fakten geschaffen - und mit viel hintertriebener Fantasie systematisch Halbwahrheiten verbreitet und die Öffentlichkeit mit Medienkampagnen absichtlich desinformiert.

Als Geologe habe ich wirklich gar nichts gegen einen zünftigen Tunnelanstich. Wie gesagt gegen einen Zünftigen. Aber diesen lächerlichen und verlogenen „Anstich“ eines bisher nur oberflächlichen Hilfsstollens heute am Barbara-Tag in Stuttgart-Wangen als Beginn des umstrittenen Baus von aberwitzigen 57 km Tunneln unter Stuttgart zu verkaufen ist eine Frechheit für mich als Geologen und die Tradition der Mineure. Und eine widerwärtiger Mißbrauch unserer gemeinsamen Schutzheiligen Barbara. Es wurde heute mit verlogenem Gehabe und sehr medienwirksam lediglich ein unbedeutender sogenannter Tunnel-Zwischenangriff angekratzt - aber niemals einer der unzähligen Tunnel für Stuttgart 21.

 

 

Der Bau-Abschnitt des heute „begonnenen“ Hilfstollens gehört zum Teilbereich 1.6a des Projekts Stuttgart 21 und selbiger befindet sich im Augenblick im Stande der Planänderung, da die schon historische Genehmigung aus dem Jahre 2005 wegen der völligen Fehlberechnung der Grundwassermengen wasserrechtlich nicht mehr umsetzbar ist. Eine neue Genehmigung ist sehr fraglich, da der neue Grundwasser- Antrag der Bahn schwerwiegende fachliche Fehler bis gezeilte Manipulationen aufweist und zudem eine von der Menge unbegrenzte Grundwasserentnahme vorsieht. Ein Fakt der in Deutschland bisher einmalig ist und wasserrechtlich eigentlich unmöglich ist, da erwartete Entnahme - Mengen in dieser Größenordnung eigentlich "gedeckelt" werden müssen. In Bezug auf Tunnelbauwerke um die es bei der Grundwasserentnahme geht, ist der gefeierte Hilfsstollen ein bautechnisch nachrangiges Bauwerk, das trotz der fehlenden Genehmigungen für die großen grundwasserkritischen „Anhydrittunnel“ ja schon mal angefangen werden kann – offensichtlich vor allem um medienwirksam einen umkehrbaren Tunnelbau der Presse und damit der unbedarften Bevölkerung vorzugaukeln. Ich höre schon jetzt von uninformierter Seite: „Jetzt gäbet doch endlich Ruh, se grabet jo scho die Tunnel ond nix isch bassiert mit´m Aa-hydrit“.

Bezeichnenderweise wird der heutige „Tunnelanstich“ in den Medien jetzt auch als Beginn der sich in der Planung überkreuzenden 4-fachen Neckar-Untertunnelung dargestellt. Das die benachbarte Tunnel  im Projektabschnitt 1.6b noch noch überhaupt nie genehmigt wurden obwohl die Unterlagen schon über 3 Jahren beim Regierungspräsidium liegen wird von der Presse, die Erklärungen der Bahn AG scheinbar überwiegend völlig unkritisch wiedergibt, nicht erwähnt. Dies ist um so bedenklicher, da gerade diese Mehrfach-Untertunnelung bautechnisch sehr riskant wäre und bis heute unklar ist - und das einmalige Stuttgarter Mineralwasservorkommen grundlegend und nachhaltig gefährdet.

Bei der aus heutiger Sicht nur als sehr hastig und oberflächlich zu bezeichnende Pauschal-Genehmigung Anno 2005 wurde schon damals beweiskräftige Untersuchungen projektferner Fachleute ignoriert und belächelt, die einen zweiten Hauptzustrom des Stuttgarter Mineralwassers unter dem Neckar in diesem Bereich schlüssig nachwiesen. Dieser zweite Zustrom hat sich mittlerweile als der wärme – und mineralstoff bringende Heilwasserstrom erwiesen. Erst im Herbst 2013 musste von der Stadt Stuttgart ein deutlicher Zustrom, der grundlegend den eigenen Forschungsarbeiten widersprach, entlang des Neckartals eingeräumt werden. Statt folgerichtiger und und umfassender Untersuchungen und Berechnungen dieses Zustroms wurden bisher jedoch nur mündlich eine sehr überschlägige Schätzung von 80 Litern Mineralwasser/Sekunde bei einer nichtöffentlichen Sitzung eingeräumt. Das schon länger bekannte Auftreten von mineralisiertem Grundwasser im unmittelbaren Nahbereich der geplanten Neckar-Tunnel wurden in einer wissenschaftlich bisher einmaligen Deutung in Stuttgart als lokale Grundwasser-Anomalie im Untergrund abgegutachtet. All diese Tatsachen bildeten bei der historischen Genehmigung und Abwägung 2005 keine Rolle und relativieren noch einmal das enorme Risiko für die, wie heute nun allgemein bekannt ist, unabsehbare Milliarden teure Leistungsminderung und unzulässige Schiefstellung eines zukünftigen Stuttgarter Hauptbahnhofs der unglaubliche 60 km neue Tunnel braucht.

Abschließend muss im Kontext mit milliardenschweren Winterspiele an der mediterranen Schwarzmeerküste von Sotschi oder einer geradezu perversen Fußballweltmeisterschaft im glühend heißen Katar die Frage gestellt werden, in wie weit alte Traditionen und Bräuche wie Tunnelanstiche unter Schutz von Heiligen und dem Segen der Kirche heute nicht sehr häufig für rücksichtslose und rein profitorientierte Großprojekte pervertiert und missbraucht werden dürfen?

 

Ich gehe jetzt in den Garten und schneide mit meinen Töchtern ein paar Barbara-Zweige! Den Kinder sind unsere Zukunft – nicht diese Art von menschenverachtenden Großprojekten!

 

Ralf Laternser (Geologe)

 

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Dr. Ralf Laternser - Diplom-Geologe - Stuttgart