Geologie Stuttgart 21 S21

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Geologische Interpretation eines kleinen lokalen Zeitungartikels

Erschienen am 30.7.2014

 

Geologische Interpretation eines kleinen lokalen Zeitungartikels (direkt unten) aus der Untertürkheimer Zeitung  (von Dr. Ralf Laternser, Geologe)

 

Artikel aus der Untertürkheimer Zeitung vom 23.7.2014

 

Teil1 : " Tunnelanstiche" oder besser Schachtfeschtle

Nachdem der geologisch eher langweilige Baubeginn des Tiefbau-Projekts Stuttgart 21 im Februar 2010 mit der Versetzung eines oberirdischen Prellbocks groß in der Presse gefeiert wurde [LINK] , häuften sich nach langer Durststrecke in diesem Jahr die für Geologen interessanten Baubeginne in Form von "Tunnelanstichen". [Artikel 1  und Artikel 2 in der Stuttgarter Zeitung und Artikel in den Stuttgarter Nachrichten].

 

Man sollte nämlich als Hintergrundinformation wissen, dass das „Ist- ja-nur-ein-Bahnhof-Projekt Stuttgart 21“ insgesamt 62 km Tunnelröhren, einen 2ten Tiefbahnhof am Flughafen (wo es schon einen S-Tiefbahnhof gibt!) und diverse 100te Millionen teure (da komplizierte) Umverlegungen des bestehenden Straßenbahn- und Kanalnetzes benötigt. Nicht zu vergessen die umfang – und risikoreichen Eingriffe in das Grundwasser des Stuttgarter Heilquellenschutzgebiets während der gesamten Bauzeit.

 

Jetzt gibt der obige Artikel in der Untertürkheimer nach langer tunnelbautechnischer Transparenzpause aber endlich wieder einmal ein paar wichtige Informationen der Bahn AG über den geologischen Stand der Dinge wieder!

 

Der gefeierte Tunnel ist gar kein Tunnel sondern nur ein „Schacht“ bzw. „Zugangstollen“, der eher nebensächlich ist und in den 62 km gar nicht enthalten ist. Evtl. hätte man sich also die Feierkosten und den Pfarrer sparen können – und die Schutzheilige von Geologen, Mineuren etc. - die Heilige Barbara in Ruhe lassen können. Ansonsten würde ja  bald bei jedem Abwasserkanal ein feierlicher Gottesdienst abgehalten werden. Es handelt sich also um um reine PR.

 

Diese werbetechnische Methode des „Tunnelanstiches“ wurde auch beim Cannstatter Tunnel – bzw. "Zugangsstollen II" mit großem TamTam angewandt. [Artikel in den Stuttgarter Nachrichten].  Die eigentliche Nachricht : „Jetzt gibt es kein Zurück mehr“. Auch hier handelt es sich wieder um eine Hilfsstollen außerhalb der 62 km geplanter Bahntunnel, die man zu gegenwärtigen Zeitpunkt wohl nur für eine überschaubare Champignon -Zucht einsetzen könnte.

 

Nur eine Tunneltaufe, nämlich die des Filderportals des Fildertunnels kann man fast gelten lassen, da diese einen potentiellen Bahntunnel betrifft. Aber irgendwie auch komisch, da die Tunnelbohrmaschine erst im September loslegen soll, dem eigentlich logischen Termin für eine Tunneltaufe. Der quellfähige Gipskeuper stünde bei diesem Tunnel übrigens erst am Ende - über der dicht bebauten Innnesntadt.

 

Zurück zur Untertürkheimer Zeitung vom 23.7.2014:

Interessant ist der Hinweis im Artikel, dass ein seitlicher Wechsel beim Zugangstollen von wenig festen „Gestein“ in jetzt festes, „sprengbedürftiges“ Gestein stattgefunden hat. Seitliche Wechsel dieser Art sind bei geschichteten Sedimenten eher untypisch und können viele Gründe haben. Man darf gespannt sein.

 

Aber noch interessanter – und bedeutsam für die tatsächliche Dringlichkeit des Tunnelanstichs in Wangen - ist es den bisherigen Fortschritt des Vortriebs zu berechnen:

Am 4. Dezember 2013 bei der Schachttaufe betrug die Tiefe nach einem Zeitungsbericht  der Stuttgarter Zeitung (mit aussagekräftigem Bild des "Tunnels") 18 m (1).

 

Tunnel am 4.12.2013 Bild Uli Fezer

 

Berechnung des durchschnittlichen täglichen Vortriebs seit dem „Schachtfeschtle“ am 4.12.2013:

 

Am 22.7.2014 soll der Stollen nach der Untertürkerheimer Zeitung 37 (2)m tief gewesen seinzuzüglich 12 m (3) Zugangsstollen zum nicht vorhanden bzw. angefangen Bahn-Tunnel vom HBF nach Untertürkheim.

37m (2) - 18m (1)= 19m (4)

19m (4) + 12m (3) = 31m/3100cm

Der Vortrieb betrug also insgesamt 31 m !

Vom 4. Dezember 2013 bis zum 22.7. 2014 sind es 230 (5) Tage

3100cm : 230 (5) = 13, 48 cm

 

Der durchschnittliche täglichen Vortrieb betrug knapp 13,5 cm. Das ist sehr, sehr wenig!

 

Ein Grund für diesen sehr gemächlichen Wert ist wohl ein gewisser Planungs- und Genehmigungsrückstand für den Untertürkheimer Tunnel dessen Röhren die aber, wie man dem Artikel entnehmen kann schon nächstes Jahr, also 2015 bzw. 2016 im Rohbau fertig sein sollen. 2017 soll mit dem Ausbau als Bahntunnel begonnen werden (siehe Artikel Untertürkheimer Zeitung vom 23..7). Nach Angaben in Wikipedia hat die Bahn jedoch eine Gesamt- Bauzeit für die Bahntunnel von und nach Untertürkheim von 5 Jahren angesetzt.

 

Kleiner Exkurs:

In diesem Zusammenhang ist vor allem noch auf die dazugehörige, sehr riskante Untertunnelung des Neckars [LINK - PDF ab S. 30] hinzuweisen, die auf der Untertürkheimer Seite in einem bisher noch nicht genehmigten Planungsabschnitt enden soll. Hier liegen die Planungsunterlagen seit fast 4 Jahren beim Regierungspräsidum Stuttgart ohne das eine Anhörungsverfahren veranlasst wurde. Dies weist auf gravierende Probleme (Mängel) der Planung hin, für deren "Behebung" die Bahn scheinbar unbegrenzt Zeit eingeräumt bekommt bzw. die ihr nicht gelingt. Interessanterweise wurde die häufige Beschwerde von Bürgern und Naturschutzverbänden bei den Anhörungsverfahren zur Grundwassererhöhung 2014, dass die Anhörung überhastet und für ausreichende Darstellungen der Sachverhalte zeitlich zu kurz ist und wichtige Dokumente und Unterlagennoch fehlen, vom Regierungspräsidium Stuttgart mit der behördlichen Verflichtung zur schnellen Durchführung von Anhöhrungsverfahren begründet. Hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen und Stuttgart 21 projektfördernd geschont!

 

Fazit "Tunnelanstiche":

Man kann zusammenfassen, dass der „Tunnelanstich“ in Untertürkheim zu so frühem Zeitpunkt wohl absolut unnötig war und für eine kurzen medialen „Propaganda-Effekt“ unötige und wohl auch erhebliche Zusatzkosten in Kauf genomen werden.

 

August 2014:

All diese Baubeginne und Tunnelanstiche waren Schautermine um unkritische Bevölkerung und Politiker zu täuschen. Das zeigt sich dadurch sehr deutlich, dass nach Volker Kefer von der Bahn AG es jetzt am 5 . August 2014 [Meldung in der Badischen Zeitung) wirklich los mit geht Stuttgart 21. Mit der "ersten" Baugrube am Hauptbahnhof. Hier gibt es zwar in Wirklichkeit auch schon seit über einem Jahr die Baugrube des Technikgebäudes, aber auch hier passiert seit langem nichts Größeres mehr, obwohl der alte Hauptbahnhof seit Jahren technisch modernisiert gehörte um seine überlegene Leistungsfähigkeit [ PDF] gegenüber dem Tiefbahnhof endlich durch ein neues Technikgebäude noch weiter verbessern könnte.

[LINK zum "Baubeginn" des Bahnhoftroges]

 

Die Bahn AG hat am Hauptbahnhof zwar noch keine wasserrechtliche Genehmigung für die neu beantragte, nach oben offene Grundwasser-Abpumpmenge (siehe Teil 2 unten), doch wollen die Behörden diese wassertechnisch kritischen Tiefeneingriffe im Heilquellen-Schutzgebeit auf Grundlage der alten wasserechtlichen Genehmigung von 2005 erlauben. Diese war aber nachweislich grundlegend fehlerhaft (siehe Teil 2) und auch damals schon nur durch unzählige schwerwiegende Ausnahmegenehmigungen vom Heilquellenschutz [LINK] überhaupt möglich. Für den Normalbürger undenkbar.

 

 

Teil 2: Das Grundwasser

Der Wangener Hilfsstollen liegt in PFA 1.6a, einem der vielen stadtweiten Planungsabschnitte von Stuttgart 21.

 

Oben: Planfestellungsabschnitte Stuttgart 21 . Der geplante Tiefbahnhof ist nur ein Teil des Projekts.  2 Abschnitte sind noch gar nicht genhemigt - 3 weitere momentan in der Planänderung

 

Dieser Planfeststellunsgabschnitt ist von der akteullen Planänderung (PFA 1.1; PFA 1.5; PFA 1.6a) zur Erhöhung der Grundwasserentnahmemengen betroffen. PFA 1.2 wurde von dieser Änderung ausgenommen, da hier seltsamerweise die Grundwassermengen gleich bleiben, was hydrologisch niemals nachzuvollziehen ist!  Erinnern wir uns: Die genehmigten Grundwassermengen waren bei der Genehmigung 2005 deutlich zu niedrig berechnet und beruhten eher auf einer wohlwollenden und  groben Abschätzung auf Basis unzureichender Daten und Comptermodelle [LINK].

 

Die geplanten stadtweiten und langjährigen Eingriffe in das Grundwassersystem sind sehr risikobehaftet im Bezug auf die darüberliegende dichte Bebauung, evtl. instabile Hangbereiche und das empfindliche Mineralwasservorkommen im Untergrund. Unter diesen Gesichtpunkten ist das gesamte sog. Grundwassermangement quasi als Pilotprojekt unter Realbedingungen zu betrachten.

 

2011 wurde schleißlich bekannt, das die Grundwasserbrechnungen grob fehlerhaft waren [INTERNER LINK]. Dies ist umso bemerkenswerter, da sie in der Genehmigung 2005 als der wissenschaftlich und planerisch herausragende Grundlage für ein Genehmigung galten. Diese Genehmigung gilt auch heute, trotz erwiesener grober Mängel, noch. Das bauherrenfreundliche Planungsrecht belohnt hier schnelle und schlampige,  überfallartige Genehmigungen, die quasi nie mehr entzogen werden können, egal auf welchen Grundlagen sie beruhen.

 

Auf jeden Fall sollen die 2011 „angepassten“ Grundwasserberechnungen und -planungen der Bahn AG durch weitere Bohrungen (das letzte Bohrprogramm war übrigens schon 2003!) und Berechnungen sehr viel genauer und besser sein. Dabei verdoppeln sich die umzuwälzenden Grundwassermengen aber insgesamt massiv um  mindestens das Doppelte [LINK]. Bei genauer Analyse der Unterlagen beantragt die Bahn jedoch eine von der Menge her nach oben offene Entnahmemenge – also eine Verdopplung bis ins theoretisch Unendliche. Dies lässt das deutsche Wasserrecht eigentlich nicht zu, das Maximalangaben fordert - und unterstreicht den Pilotcharakter des ganzen Unterfangens auf Basis von Außnahmegenhmigungen noch einmal.

 

Zurück zu PFA 1.6a (Zuführung Ober-/Untertürkheim):

In Stuttgart Wangen ist nach dem Artikel der Untertürkheimer Zeitung schon bei einem kleinen Hilfstollen überraschend eine dreifach erhöhte Grundwassermenge zu beobachten, die bei den täglichen 13,5 cm Vortrieb große Problem zu machen scheint.

 

Es stellen sich geologisch erste Fragen:

- sind die Grundwasserberechnungen wieder fehlerhaft?

 

- reicht das Wasserrecht aus?

 

- wurde sorgfältig erkundet?

 

- ist der gipshaltige Untergrund viel inhomogener und wasserhaltiger als angenommen?

 

- gibt es dort geologische Störungszonen?

 

- wird die Gipslösung im Untergrund [Subrosion -> Wikipedia] erhöht und damit die Standfestigkeit des Untergrund vermindert?

 

- sind Gebäude gefährdet?

 

 

Dazu noch Auszug aus den geänderten Planungsunterlagen:

 

Auf jeden Fall hat das neue 2011er Grundwasssermodell von Bahn AG und Landesgutachtern für den gesamten Planungsabschnitt ein merklich Verminderung des Grundwasserandranges um 50.000 Kubikmetern vorausgesagt. Einsprüche besorgter Bürger in diesem (und anderen) Planungsabschnitten werden deshalb von den Behörden allgemein mit der Begründung abgewiesen:  „Es wird jetzt ja weniger Wasser angepumpt“ als ursprünglich genehmigt. Das stimmt halt leider nur theoretisch. Unabhängig von der allgemeinen Ignoranz gegenüber Bürgerbedenken, sind die ganzen Grundwasserberechnungen bisher rein hypothetisch. Das laufende Änderungsverfahren zur Erhöhung der Grundwasserentnahmemengen unterstreicht diesen Fakt eindrücklich. Der Grundwassersachverständige des BUND BA-Wü hat den GW-Modellen erhebliche Mängel nachgewiesen und hält sie aufgrund fachlicher Mängel und einvernehmlicher datenunabhängigen Nachjustierungen wissenschaftlich für fraglich [Interner LINK].

 

Fazit Grundwasser:

Die Mängel der Grundwassermodelle sind auch nach Jahren der Anpassung bei kleineren örtlichen Eingriffen zu erahnen. Stuttgart 21 bleibt grundwassertechnisch ein hochriskantes Pilotprojekt!

 

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Dr. Ralf Laternser - Diplom-Geologe - Stuttgart