Geologie Stuttgart 21 S21

Grundwassermanagement

Grundwasserabsenkung für die S21-Baustelle


Nachtrag Mai 2011

Die Bahn will mehr als doppelt so viel Wasser wie bisher angenommen in den Baugruben für Stuttgart 21 im Heilquellenschutzgebiet von Stuttgart abpumpen. Ein entsprechender Planänderungsantrag wurde beim Eisenbahnbundesamt gestellt. Dies geschieht nach 17 Jahren Planungen und Untersuchungen, sowie 121 Sitzungen einer Vielzahl von Experten im Arbeitskreis Wasserwirtschaft [pdf] 8,9 MB zum Projekt Stuttgart 21 und lässt nichts Gutes über die tatsächliche Sicherheit und technische Beherrschbarkeit der geplanten Eingriffe in den empfindlichen Grundwasserhaushalt im Bereich von S 21 befürchten.

 

Ein schönes Zitat vom Bauzaun am Nordflügel:

" Den Bahnhof mit Gewalt in den Untergrund - das Wasser mit Gewalt nach oben"

Inzwischen befindet sich der erste Bauzaun übrigens im Keller des Hauses der Geschichte, der durch einen überraschenden Grundwassereinbruch vor kurzem geflutet wurde!

Ziel des Grundwassermanagements ist es vor allem das Mineralwasser "unten" und seine Menge konstant zu halten, sowie bestehende Gebäude in Nähe der Baugrube vor Schäden zu schützen. Die Gefahren sind den Planern also sehr wohl bekannt!

Zur Erstellung der Baugruben für den geplanten Tiefbahnhof ist es nötig die Baugruben trocken zu halten und das Grundwasser etwas mehr als 12 bis über 18 Meter Tiefe ab zu senken (sogenannte Grundwasserhaltung). 50 cm unter die geplante Baugrube. Hierzu werden Förder-Brunnen gebohrt (Bohrlöcher aus denen Grundwasser abgepumpt wird) und Infiltrationsbrunnen (Bohrlöcher in das Wasser wieder eingespeist wird) gebohrt. Um diesen Abpump - Reinigungs-Infiltrationskreislauf zu verwirklichen ist ein ausgedehntes Rohrleitungssystem von ca. 17 km (siehe Skizze unten) durch die Stuttgarter Innenstadt und einige Wohnviertel geplant - die sogenannten "Blauen" Rohre.  Der planerische, anlagentechnische und finanzielle Aufwand für diese Grundwassermangement ist also erheblich.

 

GWM

Grobe Planzeichnung des Grundwassermanagements aus dem Webauftritt des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm

Die Planung der Baumaßnahmen für den geplanten Tiefbahnhof mit einzelnen Teilbaugruben beruht auf der Tatsache das die Planer und Behörden davon ausgehen, dass ein offiziell eigentlich unmöglicher Aufbruch des unter Druck stehenden Mineralwassers nur in kleinvolumigen Baugruben technisch beherrschbar ist. Nun ist jedoch für den mittleren Schlosspark nachgewiesen, das Grundwasser und Mineralwasser miteinander in hydraulischem Kontakt stehen, sich also "durchmischen" - siehe S. 26 Untersuchungen zur Umwelt - Stuttgart 21. Hierbei drückt das Grundwasser von oben auf das von unten hochdrückende Mineralwasser (das also unter Druck steht) und hält es im Untergrund.

Auch die Experten der Stadt Stuttgart befürchten, dass durch das Abpumpen des Grundwassers für den geplanten Tiefbahnhof der auflastende Druck des Grundwassers auf das Mineralwasser zu gering werden könnte und das unter Druck stehende Mineralwasser unkontrolliert nach oben bis in die Baugrube dringen könnte - siehe Planfestellungsbeschluss 1.1 , S.343 unten [pdf].

Quelle:
Projekt Stuttgart 21 und NBS Wendlingen-Ulm: Die Berücksichtigung der Wasserwirtschaft in der Planung - eine Zwischenbilanz, S.38, September 2006 

Also deshalb dieses schwierige und teure, über Jahre andauernde Grundwassermanagement, für das am 30.9.2010 die Vorrausetzungen geschaffen wurden.

Und das unkontrollierte Aufdringen von Mineralwasser darf in einem Heilquellenschutzgebiet nun überhaupt niemals passieren, deshalb ist es ja ein Heilquellenschutzgebiet. Das Grundwassermanagement ist deshalb das wichtigste Infrastrukturprojekt des Immobilienprojekts Stuttgart 21. Durch eine computergesteuerte Regelung soll das Wasser über sogenannte Infiltrationsbrunnen gleichzeitig mit dem Abpumpen aus anderen Bohrlöchern wieder in den Untergrund geleitet werden, um das empfindliche Gleichgewicht von Grundwasser und Mineralwasser in diesem Bereich möglichst ungestört zu erhalten. Eine Beschreibung des Grundwassermanagements ist bei bahnaktuell.net zu finden.

Basis hierfür ist eine aufwändig geplante und erstellte Computersimulation. Man tut sehr viel, um die Gefährdung des offiziell überhaupt nicht gefährdeten Mineralwassersystems zu verhindern. Für den äußersten Notfall ist dann sogar das Einleiten von Trinkwasser über einen sehr langen Zeitraum geplant und per Ausnahmegenehmigung (siehe Schlichtungsvortrag Morlock/Laternser [pdf], Folie 15) erlaubt. Ein Vorgang der dem Heilquellenschutz mit seinem Hauptschutzziel, dem Erhalt des natürlichen von Menschen unbeeinflussten Wassers, absolut widerspricht - und bestätigt, dass die Gefahr des unkontrollierten Aufstiegs von Mineralwasser den Planern sehr wohl bekannt ist.

Grundwasserhaltung und das Grundwassermanagement sind in diesem Umfang und in dieser mehrjährigen Dauer im Heilquellenschutzgebiet nur mit einer Vielzahl von Ausnahmegenehmigungen durch das Amt für Umweltschutz der Stadt Stuttgart möglich.

Ausnahmegenehmigungen für Stuttgart 21 im Heilquellenschutzgebiet [pdf] 5,9 MB

Projekt Stuttgart 21 und NBS Wendlingen-Ulm: Die Berücksichtigung der Wasserwirtschaft in der Planung [pdf] 8,9 MB

 



Einschub Mai 2011

Sehr bedenklich in diesem Zusammenhang ist folgende aktuelle Meldung:

Bahn will mehr Grundwasser abpumpen (Artikel vom 12.05.2001) - Stuttgarter Nachrichten

Nach einer langjährigen Vorarbeit durch unzählige Experten der Wasserwirtschaft ist das Eingeständnis von über doppelt so hohen anfallenden Grundwassermengen (die rechnerisch und hydrologisch noch aktzeptable Abweichung eines Modells liegt bei höchstens 10%) ein für die Sicherheit des Mineralwassers äußerst bedenkliches Eingeständnis von hydrologischer ("grundwasserbetreffender") "Unwissenheit" im Untergrund von Stuttgart 21.

Zusammen mit den neuen Erkenntnissen zum großräumigen Mineralwasserströmungssystem und den offen eingestandenen Wissenslücken zum Grundwasserströmungssystem, die das Grundwasserprojekt MagPlan schließen soll, verschärft sich die zu erwartende Bedrohung des Mineralwassersystems somit dramatisch, da zum Betrieb des Grundwassermanagements nach allen Verlautbarungen der Planfeststellung und der Wasserwirtschaftsexperten die exakte Ermittlung der Grundwasserströme die planerische und technische Grundlage für die Beherrschbarkeit der wasserwirtschaftlichen Eingriffe bei Stuttgart 21 ist.



Und zum Abschluss noch etwas sehr bemerkenswertes:

Der räumliche Absenkungstrichter des Grundwassers, aufgrund des Abpumpens desselben, reicht unterirdisch (geologisch) weit in die Kernzone des Heilquellenschutzgebietes ein, verletzt also die hoch empfindiche Kernzone des Heilquellenschutzgebietes und in der Kernzone ist eine Grundwasserhaltung generell verboten.

absenktrichter

Graphische Simulation des Absenkungstrichters der Grundwasserabsenkung im Mittleren Schlossgarten.
Rote Farbe: Absenkung > 10m - hellblaue Farbe: Absenkung > 4 m

Wortlaut aus der Heilquellenschutzverordnung für die Kernzone:

zitat

Die eigentliche Wert der Verodnung zum Schutz der Heilquellen in Stuttgart zeigt sich aber eigentlich erst mit dem Paragrapen 8, Absatz 3 - Allgemeine Bestimmungen, Befreiung, Ausnahmen:

zitat

Das Wohl der Allgemeinheit erlaubt eigentlich alles - schlau gemacht. Nur wer bestimmt eigentlich, was zum Wohle der Allgemeinheit ist?

Hoffnung macht hingegen der Paragraph 8, Absatz 4:

 

Zitat

 


Zur Vertiefung des Themas:

Erläuterung zum Grundwassermanagement von Roland Morlock (Vortrag im Stuttgarter Rathaus vom 01.07.2011)

Grundwassermanagement: Funktionsweise und Risikoabschätzung

Weitere Erläuterung zum Grundwassermanagement von Roland Morlock (Vortrag im bezirksrathaus bad Cannstatt vom 15.09.2011)

Schützt das Grundwassermanagementunser Mineralwasser?

Dr. Ralf Laternser - Diplom-Geologe - Stuttgart